Sonntag, 13. Februar 2011
Mein anthropozäner Komposthaufen
Als ich das Buch "Menschenzeit" schrieb, wusste ich noch nicht, dass in unserem Garten ein Paradebeispiel für das Anthropozän zu finden ist. Am Samstag, bei frühlingshaftem Sonnenschein, habe ich mit meiner dreijährigen Tochter den Komposthaufen angestochen. Es ist ein riesiges Gebilde, den schon die Vorbewohner des Hauses genutzt haben.
Wir wollten Humus gewinnen, weil wir in diesem Jahr Kartoffeln und Topinambur anbauen werden, zwei Pflanzen, von denen ich hoffe, dass sie meinem Schwarzen Daumen, dem in der Regel selbst Kakteen zum Opfer fallen, widerstehen können. Der Gedanke, mitten in Berlin wenigstens für ein paar Mahlzeiten Gemüse zu gewinnen, ist verlockend.
Was erwartet man von einem Komposthaufen? Ein Durcheinander an Lebewesen, Erde, Küchenabfällen, Blättern, Rasenschnitt.
Doch unser Komposthaufen hatte mehr zu bieten.
In "Menschenzeit" entwickle ich die Idee des Nobelpreisträgers Paul Crutzen weiter, dass unser Zeitalter statt Holozän besser Anthropozän heißen sollte, weil der Mensch die Erde langfristig und irrversibel verändert. Das habe ich so beschrieben: "Jede Erdepoche schlägt sich in einer spezifischen geologischen Schicht nieder. Die Schicht, die von uns bleiben wird, beginnt bereits jetzt mit einer merkwürdigen toxischen Störung. Es sind unter anderem Schwermetalle, radioaktive Isotope und Tausende von persistenten Chemikalien, die in sie eingehen. Noch ist viel Zeit, dass diese Störung in eine fruchtbare Schicht übergeht, die sich aus den kompostierten Maschinen, Gebäuden und Lebewesen einer biologischen Epoche formt. Das ist nicht das ultimative Ziel der menschlichen Zivilisation, aber Teil ihrer Kultur: eine fruchtbare, optionenreiche Erde zu hinterlassen für das, was nach ihr wächst."
Kartoffeln mit Styroporgeschmack?
Als wir den Komposthaufen oben anstachen, sahen wir wunderbare, braune Erde. Sie muss sich im vergangenen Jahr gebildet haben, aus organischen Überresten unseres Lebens. Hinter dem Sieb lag feinster, reiner Boden, dieses Gemisch aus Leben und Mineralwelt. Ein sinnlicher Genuss, ihn zwischen den Fingern durchrieseln zu lassen. ElÃn entdeckte einen Regenwurm und schwankte, als er auf ihrer Hand lag, zwischen Entzücken und Ekel. Wir streuten den Humus auf der kleinen Beetfläche aus und freuten uns.
Doch dann stießen wir in eine tiefere Schicht des Komposthaufens vor. Und die hatte es in sich. Ein Kugelschreiber, ein grünes Kügelchen, Styropor, ein Netz für Vogelfutter, Plastikschnippsel ragten aus dem Boden heraus...Was hatte ich erwartet? Reine, unberührte Erde aus vergangenen Jahren – und dann das. Plastikreste aus dem Früh-Anthropozän! Noch eine Schicht tiefer und ein Stück Teerpappe kam zum Vorschein, ein Produkt, das aus den giftigsten Überresten des Raffinierens von Erdöl besteht.
Wir hörten auf zu graben.
Was tun?
Ein grundsätzliches Mißtrauen gegen diesen Komposthaufen machte sich breit. Was heißt das, Kugelschreiberflüssigkeit, Plastikkügelchen und Teerpappenpampe unter der Erde zu haben, aus der wir unser Essen beziehen wollen? Kartoffeln mit einem Styroporgeschmack wie beim Bahnhofskaffee?
Dann fiel mir auf, dass ich vor mir ein perfektes Beispiel der anthropozänen Erde hatte, die am Entstehen ist. Es sind Bodenschichten, die erzählen, was Menschen getan haben. "The geology of mankind", wie Paul Crutzen schrieb. Wir sind dabei, eine Gebrauchterde zu schaffen. Irgendwann in naher Zukunft wird jeder Quadratmeter schon einmal von Menschen berührt oder genutzt worden sein. Und was werden die Menschen der Zukunft dann finden?
Weil das so symbolträchtig ist, habe ich mich nun irgendwie mit meinem anthopozänen Komposthaufen angefreundet. Er soll mir Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Ich werde ihn sieben und sichten. Ich werde den Müll rausholen und sammeln. Die Erde aus den unteren Schichten werde ich nur für den Rasen, aber nicht für das Kartoffelbeet einsetzen - oder weiß jemand Besseres?
Und in Zukunft? Mal sehen, wieviel feinen Humus unser Alltag hervorbringt - nicht nur im eigenen Garten.
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