MENSCHENZEIT Zerstören oder gestalten?

Menschenzeit

Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten

Wie wir die Welt von morgen erschaffen

Der renommierte Wissenschaftsjournalist Christian SchwĂ€gerl beschreibt, warum wir schon lĂ€ngst im „AnthropozĂ€n“, der Menschenzeit leben – einer Epoche, in der der Mensch dabei ist, seinen Planeten in atemberaubender Geschwindigkeit zu verĂ€ndern.

Die Macht des Menschen ist so stark gewachsen, dass ein neuer Planet entsteht: Eine Menschen-Erde, eine „kĂŒnstliche Erde“, vom Menschen verĂ€ndert und neu geschaffen. Der Mensch versetzt Berge und rodet ganze WĂ€lder. Einen Großteil der LandoberflĂ€che hat er bereits neu gestaltet. Er greift in das Weltklima ein, rottet Tiere und Pflanzen aus und zĂŒchtet neue Lebensformen. KĂŒnstliche Chemikalien finden sich in allen Erdwinkeln, vom Nordpol zum SĂŒdpol. Megasiedlungen mit mehr als hundert Millionen Einwohnern wachsen heran. Wildnis existiert nur noch von Menschen Gnaden, in Naturschutzgebieten. Die Grenze zwischen Natur und Kultur verschwindet. Aus der „Umwelt“ wird eine „Menschenwelt“.

Der Mensch hat sich zur Hauptfigur einer neuen Erdepoche emporgehoben. Der NobelpreistrĂ€ger Paul Crutzen spricht vom „AnthropozĂ€n“, das anbricht. Doch die VerĂ€nderungen sind vielfach gefĂ€hrlich, die Wirkungen unbeabsichtigt, die Trends krisenhaft: Die Menschheit verfĂŒgt ĂŒber eine gigantische Macht und ist dennoch zu primitiv, sie zu seinem Wohl und zum Wohl des Planeten einzusetzen. Kurzfristigkeit, Hochmut und Ignoranz prĂ€gen das Handeln der Spezies. Der Mensch hat das Gesicht der Erde bereits fĂŒr immer verĂ€ndert, ohne aber die genauen Folgen und ZusammenhĂ€nge zu kennen.

Nun steht ein Reifungsprozess an, der schnell verlaufen muss: Da der Mensch die Welt ĂŒber Jahrhunderte und Jahrtausende verĂ€ndert, muss er auch fĂ€hig werden, in solchen ZeitrĂ€umen zu denken, planen, wirtschaften.

Überfischung, Artenschwund, Waldzerstörung und Klimawandel sind Symptome einer falschen Wirtschafts- und Denkweise. Wie in unserem Finanzsystem fĂŒhrt das zu einer globalen Krise. Vor allem die westlichen Mittelschichten haben ĂŒber ihre VerhĂ€ltnisse gelebt. Auch alles, was wir der Natur entnehmen, geschieht auf Kredit. Wenn das ökologische Kapital, das wir als Nahrung, Trinkwasser, Rohstoffe und Klima in Anspruch nehmen, nicht erhalten werden kann, wird uns die Erde den Kredithahn abdrehen. Kein anderer Planet kann uns dann aus der Insolvenz retten.

Die Geschichte zeigt die enorme Schaffenskraft des Menschen: Aus den ersten Hektar Agrarland im Nahen Osten ist ein landwirtschaftliches System von riesigen Ausmaßen entstanden, das heute weite Teile der LandflĂ€che bedeckt. Aus Faustkeilen wurden ĂŒberdimensionierte Maschinen, die wiederum andere Maschinen fast im Alleingang bauen. Pflanzen und Tiere werden nicht nur gezĂŒchtet und gentechnisch verĂ€ndert, Wissenschaftler gehen daran, sie MolekĂŒl fĂŒr MolekĂŒl synthetisch zusammenzubauen. Dass die Menschheit trotz der unbegrenzten Möglichkeiten der Kultur und der Wissenschaft in ein Jahrhundert der Krisenszenarien hineinlebt, ist der grĂ¶ĂŸte Skandal unserer Zeit.

Ein gewichtiger Grund dafĂŒr, dass sich die Krisen zuspitzen, ist neben kurzfristigem Denken eine grundlegende Entfremdung von der Erde. AbschĂ€tzigkeit gegenĂŒber der natĂŒrlichen und materiellen Welt ist tief in unsere Kultur eingebaut, in Religionen, aber auch in die Naturwissenschaft. Der Mensch verhĂ€lt sich auf der Erde wie ein außerirdischer Eroberer. Deshalb erscheint eine kulturelle Heimkehr nötig. Wie könnte sie aussehen?

Jeder Einzelne muss im Zeitalter des Menschen Verantwortung ĂŒbernehmen. Besonders in den reicheren Weltgegenden ist heute jeder ĂŒber ein unsichtbares Netz mit der ganzen Welt verbunden: Nahrungsmittel, KonsumgĂŒter, Energieverbrauch fĂŒhren in jedem Moment des westlichen Alltags direkt zu den Krisenherden. Wir verfĂŒgen ĂŒber einen globalisierten Stoffwechsel, vom Pflanzenöl aus gerodeten RegenwĂ€ldern bis zum Metall der Handys, fĂŒr dessen Gewinnung irgendwo, weit weg von uns, Böden vergiftet werden. Der westliche Lebensstil gilt als Ideal fĂŒr viele aufstrebende Nationen, doch sein Ressourcen- und Energieverbrauch ist katastrophal. Deshalb ist es nun nötig, diesen Lebensstil grundlegend umzugestalten, so dass er neun Milliarden Menschen offen steht. Ob dies gelingt, ist die neue globale Gleichheitsfrage. Es geht darum, sich im Konsum zu mĂ€ĂŸigen, aber bei Ideen verschwenderisch zu sein.

Wir mĂŒssen fossile Brennstoffe konsequent vermeiden, fleischarm leben, unsere Werkzeuge und Materialien sorgsam pflegen und KonsumbedĂŒrfnisse mindern. Eine Ökonomie der Verantwortung muss entstehen: Die Mobilfunkindustrie ist binnen zwanzig Jahren weltweit von Null auf viele hundert Milliarden Dollar gewachsen – warum sollte es da nicht selbstverstĂ€ndlich sein, finanziell zum Erhalt des stofflichen Kommunikationsnetzes in WĂ€ldern, Feuchtgebieten und Savannen beizutragen?

Kollektives Lernen ist möglich. Gerade fĂŒr die alternden, schrumpfenden Gesellschaften Europas ist die Abkehr vom zerstörerischen „Immer mehr“ eine Chance fĂŒr eine kulturelle Erneuerung. FĂŒr das 21. Jahrhundert ist die Gesellschaft am besten vorbereitet, die es lernt, sich von den Dogmen blinden Wachstums zu verabschieden und Knappheit vorwegnimmt.

Doch ein gemĂ€ĂŸigter Lebensstil reicht nicht aus, technologisch-wissenschaftliche Erneuerung ist zwingend erforderlich. Hierin liegt die noch grĂ¶ĂŸere Kraftanstrengung. Wer wird der Steve Jobs der coolen Energiequellen, welche Firma das Google der ökologischen Netzwerke? Die Zentren der Forschung und Bildung, die Genbanken und die Designprinzipien der Natur sind die wahren Schatzkammern der modernen Gesellschaft. Die nĂ€chste Stufe des AnthropozĂ€ns kann kein ZurĂŒck-zur-Natur im Sinne mancher UmweltschĂŒtzer sein: Es geht nicht um eine gute, alte Zeit, sondern um die Sehnsucht nach einer Zukunft, in der biosphĂ€risches Wissen und ökologisches Gewissen den Menschen zum irdischen Schöpfer qualifizieren.

Das gerade bei UmweltschĂŒtzern allzu beliebte Weltuntergangsdenken in die Irre. Wer die Apokalypse predigt, fordert sogar noch zu verantwortungslosem Handeln auf. Es geht darum, fĂŒr eine sehr lange Zukunft zu leben, denn das AnthropozĂ€n wird noch sehr lange dauern – es hat eigentlich erst begonnen. Ein positives Gegenbild zum heutigen Krisenplaneten ist nötig: nicht die Angst vor dem Untergang sollte das Handeln leiten, sondern das Ziel einer globalen Regeneration. Im AnthropozĂ€n von morgen könnte es eine Wirtschaft geben, die Naturwerte in ihren Bilanzen fĂŒhrt, eine Technologie, die mit der Natur verschmilzt, eine Zivilisation, die Klima und Ökosysteme gezielt beeinflusst.

Der Mensch hat die Chance, in seine Rolle als WelthĂŒter und WeltgĂ€rtner hineinzureifen. Ist er dazu fĂ€hig, einer langen, fruchtbaren Menschenzeit den Weg zu bereiten?

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___________________________________________________________________________________ And here a summary in English: Christian SchwÀgerl

AGE OF MEN

To destroy or to create?

The decisive epoch of our planet

The influence of human beings has now grown so pervasive that a new planet is coming into being: a human Earth, an “artificial” Earth, one changed, and re-created, by humans.

Humans move mountains and clear-cut entire forests. A large percentage of the land surface has already been altered. Human activities are affecting the world climate, cause animal and plant species to go extinct, and bring new life forms into being. Synthetic chemicals are now found in every corner of the world, from Pole to Pole. Soon there will be megalopolises with more than a hundred million people. Wilderness exists only within nature refuges, and then only by virtue of human clemency. The border between nature and culture is disappearing. The natural environment is becoming a human world.

The human species has arisen to become the main actor in a new epoch of the Earth. Nobel Prize laureate Paul Crutzen speaks of the emerging “Anthropocene.” Within these changes, however, are hidden multifarious dangers, with many unintentional consequences and potential crises. Humanity possesses incredible abilities, and yet we are too primitive to use them to our own or the planet’s benefit. Short-term thinking, arrogance, and ignorance are still determining the actions of our species. Humans have permanently changed the face of the Earth while having neither an accurate concern for the consequences nor a clear understanding of the natural and human interrelationships involved.

We need to begin a maturation process, and quickly: now that we humans have gained the capacity to alter the world for the next hundreds and even thousands of years, we need to be able to start thinking, planning and managing with such long-term time spans in mind. We need to start managing Earth not only with the year 2050, but with the year 2500 in mind. This mental exercise reveals the limits and uncertainties of our knowledge, which should feed back into what we do and refrain from now.

Overfishing, extinction, destruction of forests, and climate change are symptoms of failed economic processes and false mindsets – ones similar to those in our financial system that contributed to the global financial crisis. It is especially the Western middle class that has been living beyond its means. Everything that we take from nature we are getting on credit. When the ecological capital, which we consume as food, water, and raw materials (with the added burden on climate) cannot be maintained, the Earth will cancel our credit. And there is no other planet at our disposal to keep us out of bankruptcy.

History reveals the enormous creative capacity of humans. Beginning with the first parcels of agricultural land in the ancient Middle East, an immense agricultural system covering vast areas of the Earth’s dry land has come into being. From hand-held axes have developed huge, complex machines that can now, nearly on their own, build other machines. Plants and animals are selectively bred and genetically altered – and scientists are now attempting to synthetically create them molecule by molecule. The fact that humanity, in spite of the nearly limitless possibilities of culture and science, has led itself into a century of crisis scenarios is the greatest scandal of our time.

Along with short-term thinking, a major reason these crises are coming to a head is a fundamental alienation from the Earth. A disdain, even contempt, toward the natural and material world is deeply ingrained in our cultures, especially in the Christian religion – but it is an attitude prevalent in science as well. Humans behave on the Earth as if they were conquerors from another planet. A cultural “homecoming” is desperately needed.

What could this be like? In the human, or Anthropocene, epoch, every individual needs to take responsibility.

Especially in the more prosperous areas of the world today, every person is connected with the rest of the world by an invisible network: daily life of the Western world, with its consumption of foodstuffs, consumer goods, and energy, is continually contributing to the crisis. We are part of a globalized metabolism, with plant-based fuel-oil from clear-cut rain forests and metals for cell phones, whose mining, far away, has poisoned the soil.

The Western lifestyle is considered an ideal for many striving nations, yet its consumption of resources and energy can‘t be globalized. It is now necessary to soundly transform this lifestyle so that it can become available for nine billion people. We need a new wave of globalization - the spread of a lifestyle that is truely sustainable. Whether or not this can happen is the pending question of global equality. Addressing this will be a matter of consuming with modesty while being excessive in pushing the frontiers of our scientific knowledge and our ability to develop new technologies that fuse with nature.

We need to dispense with fossil fuels, consume less meat, take care of our tools and material goods, and lessen our consumer needs. An economy of responsibility needs to come about. For example, the cell phone has grown from its beginning twenty years ago to an industry of a hundred billion dollars – so why should it not be expected to contribute financially to help protect the “natural communication networks” in forests, wetlands, and savannas? Paying for ecosystem services should replace useless spending for junk goods nobody really needs.

Collective learning is possible. Precisely for the aging, shrinking societies of Europe is a renunciation of the destructive, “always more” attitude a chance for a cultural renewal. In the 21st century, the best-prepared society will be one that has learned to turn away from the dogmas of blind growth in order to forestall scarcity. Yet a moderate lifestyle is not enough: technological and scientific renewal and reformation is critically needed as well, and this will require an even greater investment and effort. Who will become the Steve Jobs of new energy sources? What company will become the Google of the ecological networks? The true treasure troves of modern society are the centers of research and education, the gene banks, and the design principles of nature.

The next stage of the Anthropocene cannot involve back-to-nature scenarios in the sense of some environmentalists: it is not a matter of better, older times, but rather the desire for a future in which biospheric knowledge, combined with an ecological conscience, will qualify humans to be “creators” on and of the Earth. The all-too-appealing apocalyptic thinking by environmental activists leads nowhere, as preaching about planetary demise merely furthers irresponsible action. Biofuturism is the way to go.

The issue at stake is to start living with a very long future in mind, because the Anthropocene will endure for ages – and it has just begun. A positive image, one that contrasts with the present-day image of a planet in crisis, is needed: action should not be determined by fear of a collapse, but by pursuing the goal of global regeneration. In the Anthropocene of tomorrow, there could be an economy that uses in its balance sheets the values and assets of nature and is supported by a technology melded with nature and managed by a civilization that intentionally influences climates and ecosystems.

Humans being have the opportunity to mature into the role as caretakers and horticulturalists of the world. Are we capable now of preparing the way for a long and fruitful Anthropocene epoch?

 
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